Hand aufs Herz: ich bin eine ältere Dame. Natürlich fühle ich mich überhaupt nicht so, aber wenn ich in den Personalausweis (und den Spiegel) schaue, weiss ich es. 1967. Das ist mein Geburtsjahr. Wow! Dann bin ich ja schon längst ein Best Ager, oder? Laut Wikipedia gibt es da noch jede Menge anderer Euphemismen: Generation Gold, Generation 50plus, Silver Ager, Golden Ager, Third Ager, Master Consumer, Mature Consumer, Senior Citizens, „over 50s“, um es einmal der Vollständigkeit halber zu zitieren. Allesamt Begriffe, die das Marketing darin unterstützen sollen, die Generation ab 50 abzuholen und ihr Produkte schmackhaft zu machen, die das Altern erleichtern. Nur, dass es um jeden Preis vermieden wird, das zu benennen.
Silver Ager, oder eben auch Best Ager, das sind aktive, dynamische und sportliche Menschen über 50, die die Welt bereisen, und die auf gar keinen Fall ein Problem mit dem Älterwerden haben. Oder? Nun, ich kann da nur aus meiner Erfahrung schöpfen. NATÜRLICH hatte ich eine mittelschwere Krise, als ich entdeckte, dass manch eine Falte sich nicht mehr im Laufe des Tages „einglättet“. Und dass die körperliche Leistungsfähigkeit proportional zum Älterwerden abnimmt, ist auch keine pure Theorie.
In der Werbung und in den Social Media wird jedoch suggeriert, dass es möglich ist, den gesamten Alterungsprozess innerhalb kürzester Zeit zu stoppen, wenn nicht gar umzukehren. Wir müssen es nur wollen! Und hart an uns arbeiten. Aber zum Glück gibt es Abhilfe in Gestalt diverser Produkte und Aktivitäten.
Im Überblick – was sind Great Ager?
Great Ager sind Frauen, die sich nicht in eine Kategorie pressen lassen. Wir sind natürlich im besten Alter, jederzeit, und deshalb lassen wir uns nicht von der Werbung suggerieren, wir seien „Best Ager“.
JETZT ist es immer am besten, und deshalb begehen wir jeden Tag damit, großartig zu leben.
Great Ager haben ein gutes Gespür für sich entwickelt, und sie haben ein gelebtes Leben, auf das sie bereits mit Stolz zurückblicken. Sie haben sich ihre Falten und Linien durch Lachen, Weinen, Fühlen, kurzum: Leben, verdient, und sie sehen es überhaupt nicht ein, irgendetwas davon wegretuschieren zu müssen.
Great Ager führen ein Leben in Freiheit und Würde, und sie pfeifen auf gesellschaftliche Konventionen, die ihnen diktieren wollen, welche Rocklänge sich ziemt, oder was in „diesem“ Alter noch möglich ist.
Der Jungbrunnen ist zum Greifen nah: wir müssen es nur wollen! Oder?
Ich habe mich der Thematik genauer angenommen. Ich möchte es einfach wissen! Geht es hier wirklich nur um einen Marketingtrend, oder ist es schon ein gesellschaftlich verankerter Druck, dem wir permanent ausgesetzt sind? Wenn ich mich durch Instagram scrolle, werde ich regelrecht zugeschüttet mit tollen Angeboten zum Jung-Bleiben. Es ist faszinierend, was es alles gibt:
- Natürlich jede Menge Cremes und Seren für die Augenpartie
- Seren und Öle für die Mundpartie: schmale Lippen und steile Falten sind BÄH („Granny-Lips ade!“ – Das ist tatsächlich ein Werbeslogan!)
- Öle und Lotionen für straffere Oberarme
- Lotionen gegen Cellulitis
- Shapeware, falls alle Lotionen nichts nutzen und man (oder vielmehr: frau) einen einwandfreien, flachen Body vorzeigen möchte
- Lippenstifte für vollere Lippen
- Wimperntusche für jugendlichere Wimpern
- Diverse Augenbrauenprodukte für – Du ahnst es schon – jugendlichere Augenbrauen
- Collagenpulver für straffere Haut
- Wallpilates und Wallyoga als Onlinekurse, für eine jugendliche Figur in vier Wochen
- Tanzkurse für eine jugendliche Figur in vier Wochen
- Jede Menge Supplemente, um die Wechseljahre nahezu unbemerkt vorüberziehen zu lassen
- und falls das alles nicht genügt: Werbung für Filler, Säurebehandlungen und Korrekturen jeglicher Art, diskret und in luxuriösen Privatkliniken zu nicht genannten Preisen zu haben.
Und dann kommen direkt danach die Schmähbeiträge über diese oder jene Prominente (98% Frauen plus Sylvester Stallone und Mickey Rourke), bei denen die OPs leider schiefgegangen sind. Das ist nicht nur zynisch, sondern macht auch mürbe.
Wenn ich das ganze Brimborium mitmachen soll, habe ich keine Zeit mehr zum Leben
Ganz ehrlich: wenn ich tatsächlich die ganzen Tipps befolgen, alle Produkte kaufen und anwenden soll, dann habe ich gar keine Zeit mehr für mein wirkliches Leben. Und bin vermutlich pleite. Natürlich pflege ich mich gern! Und ich tue das ja nicht erst, seit ich 50 geworden bin. Es gibt ganz großartige Produkte, auch und gerade für reife Haut, und ich mag gepflegte Falten. Das hat Charisma und zeigt: Ich habe gelebt, und ich pflege mich, weil ich mich für wichtig und wertvoll halte.
Aber ich sehe einen großen Unterschied zwischen meinem persönlichen Bedürfnis und Bedarf (der bei jeder Frau unterschiedlich ist), und dem, was mir als so genannter Best Agerin suggeriert wird. Und das führt mich direkt zu meiner nächsten Frage:
Was ist denn bitte das „Best Age“?
Ich finde: jedes Alter. Jeder Augenblick! Als mein Mann und ich heirateten, sagte unsere Standesbeamtin: „Ich hoffe, Sie denken nicht, dass das heute der beste Tag Ihres Lebens ist. Da kommen nämlich hoffentlich noch jede Menge bessere auf Sie zu!“. Recht hatte die Frau, genau so ist es. Wenn wir Werbung (und Gesellschaft) glauben, ist das Best Age jedoch erst ab 50 möglich, und selbst das ist sehr verwirrend, denn plötzlich heisst es auch noch „50 ist das neue 40„. Also, wie denn jetzt?
Das bedeutet doch übersetzt: Jaaaaa, mit 50, da geht es erst los, aber so richtig! Bestes Alter überhaupt! Und, tadaaa, wenn Du alles richtig machst (und alle Produkte / Dienstleistungen kaufst), dann bist Du streng genommen gar nicht mehr 50! Nein! Dann bist Du nämlich eigentlich erst 40!
Excuse me? Für wie doof halten uns denn die Marketig-Menschen? Ich kann ja rechnen, und alle anderen Besties auch. Wenn mir jemand sagt: „Mensch, Du siehst aber echt nicht aus wie 58!“, dann ist es möglicherweise ein Kompliment und ich freue mich, jedoch denke ich mir meistens: „Nun. Mag sein. Ich BIN es aber!“ Punkt. Wie bitte habe ich denn mit 58 auszusehen? Und muss ich denn ein Best Ager sein? Muss ich die ganzen Produkte kaufen und den ganzen Tag benutzen und dabei mein schönes Leben verpassen?
Da mache ich nicht mit. Ich bin ein Great Ager! Du auch?
Ich habe mich entschieden, diesen Trend zu überspringen. Ich will nicht meine Oberarme trainieren und ölen, bis sie über jeden Verdacht erhaben sind, und ich will mich nicht in eine Wurstpelle quetschen, um meinen Bauch zu kaschieren. Und vor allem will ich nicht so tun müssen, als ob die vergangenen 58 Jahre nichts wert seien!
Ich bin ab sofort ein Great Ager. Mein Alter ist großartig! ICH bin großartig! Ich habe es geschafft, bis hierhin zu kommen, und das in einem wirklich guten Zustand. Klar, ich habe Cellulitis, seit meinen 20ern übrigens, und meine Lippen haben steile Fältchen entwickelt, denn ich habe in meiner wilden Jugend geraucht, Blue Curaçao Drinks mit dem Strohhalm getrunken, und ich habe Falten um die Augen, denn ich habe gelacht, und auch geweint, und all das – und der ganze Rest von mir – ist gelebtes Leben, das ich mir nicht wegretuschieren möchte.
Great Ager haben ein großartiges Leben
Ja, Great Ager sind großartig. Sie haben ein tolles und erfülltes Leben, und sie benutzen super duper Pflegeprodukte, um ihren tiefen Glow zu unterstreichen. Und Great Ager haben ihre verschrobenen Seiten, sie haben ein aktives und aufregendes Leben, und vor allem haben sie Würde. Und über all‘ das möchte ich schreiben, und ich freue mich jetzt schon darauf, hier aus dem Vollen zu schöpfen und Dir zu erzählen, was ich alles Großartiges tue, um jeden Tag zum großartigen Tag zu machen.

ÜBER MICH: Ich bin Jin Shin Jyutsu Praktikerin aus Krefeld. Im Jahr 2000 habe ich Jin Shin Jyutsu, auch als „Strömen“ bekannt, kennengelernt. Nach meiner Ausbildung zur Jin Shin Jyutsu Praktikerin und Selbsthilfelehrerin habe ich 2004 meine eigene Praxis gestartet. Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass ich diese Kunst bis heute mit so vielen Menschen teilen darf. Ich gebe Selbsthilfekurse und auch Einzelbehnadlungen. Mein Leitmotiv ist: Zurück in die Einfachheit. Es ist alles schon da!
Ausserdem bin ich Bloggerin und ein Great Ager: ich ermutige Frauen, jenseits von Altersklischees ein großartiges Leben zu führen. Ich schreibe nicht nur darüber, sondern kombiniere es mit dem Strömen – ein einfacher, kraftvoller und äußerst effektiver Weg zur Selbstermächtigung.
Mehr über mich findest Du hier: Über mich.

👍👍👍😀
super Johanna!
Toller Blog!
Liebe Mo,
Du bist doch auch ein Great Ager, oder? 🙂
oh yeah! und ich genieße es! Best ager 👍😀
Lass es dir gut gehen 🍀🍀
Du sprichst mir aus der Seele liebe Johanna. Ich bin auch ein Great Ager und fühle mich grossartig!
Liebe Petra (K.)!
Für mich bist Du eine der Säulen des Great-Agertums. Du fühlst Dich nicht nur großartig, Du BIST es!
Cooler Artikel, Johanna! Bin mit dem Glücksrad von Judith Peters gerade darauf gestossen – und fühle mich total angesprochen. Als Great-Ager mit JG 1965 mache ich diesen hohlen Junggebliebenen-Trend mit teuren Kosmetika, Anti-Cellulite-Gel und Armtraining bis zum Umfallen auch nicht mit. Bin ein Best-Ager mit grossartigem Leben und geniesse das von Herzen.
Du hast eine enorm positive Ausstrahlung und eine ganz tolle Stimme, das ist mir im TCS beim ersten Zoom-Meeting aufgefallen 🤩 Bin mittlerweile aus dem TCS wieder ausgestiegen, weil mich das Ganze leicht überfordert hat 😚 Ich wünsche Dir noch ganz viele Blog- und sonstige Erfolge !! Liebe Grüsse aus der Schweiz, Bea
Liebe Bea,
ich danke Dir ganz herzlich für Deine Worte. Ich spüre förmlich Deine Power! 🙂
Schade, dass Du nicht mehr in der TCS bist – und ich verstehe auch den Grund. Was zu viel ist, ist zu viel.
Da muss man (frau) als Great Ager Prioritäten setzen und das großartige Leben formen.
Danke Dir für Deine tolle Rückmeldung. Ganz liebe Grüße in die Schweiz!
Hallo Johanna,
Jahrgang ’68 hier!
Als ich mich selbstständig gemacht habe, war ich 51, und als mein Debütroman erschien, war ich 56. Das ist doch wirklich ein Great Age! 🙂
Allerdings muss ich zugeben, dass ich ein bisschen mit der auch nachlassenden Stressresistenz hadere, eigentlich mehr als mit dem Körperlichen. Aber auch daran gewöhnt man sich, und selbstständig im Homeoffice kann ich ja ein Stück weit auf die Tagesform reagieren.
Und worüber ich mich wirklich ärgern kann in der letzten Zeit, ist das Generationen-Bashing. Mein Trost: Die, die jetzt auf den Boomern oder uns GenX herumhacken, werden auch älter werden und merken, wie es ist, wenn die nachfolgenden Generationen sie permanent unreflektiert kritisieren 😉
Toller Text, vielen Dank!
Liebe Grüße
Birgit
Liebe Birgit,
das macht mir wirklich gute Laune! 🙂 Ich finde auch, dass dieses Generationen-Bashing mittlerweile einfach nur laaaaaangweilig ist. Und unkreativ. Viel lieber beschäftige ich mich mit altersübergreifenden Themen wie Menschlichkeit, Mitgefühl und Humor.
Danke für Deinen erfrsichenden Kommentar! Herzliche Grüße, Johanna